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  • September 23, 2012 11:40 pm

    OMG // Oder: Du bist immer noch verdammt hübsch anzuschauen…

    Ich sitze im Wagen 6 des ICE 874 in Richtung Berlin und habe gerade Kassel-Wilhelmshöhe hinter mir gelassen. Wie immer ist der lustige Snackverkäufer zugestiegen, den ich, als er an mir vorbeisackkarrt jedoch kaum wahrnehme, da ich a) gerade zum wiederholten Male feststelle, dass „Apparently Unaffected“ von Maria Mena eines der meist unterschätzten Alben der Popgeschichte ist und man b) zwar gerade im Englischen unglaublich viele lustige Wortspielereien zu Bettina Wulffs Google-Feldzug machen kann, ich aber merke, wie sich in meinem Inneren trotz des prinzipiellen Amüsements über mein neues Lieblingsmärchen „The Wulff and the seven young tricks“ so ein knotig unbequemer Ärger erhärtet.

    Ich bin mir noch nicht ganz sicher, denke aber, der Ärger rührt daher, dass ich einige Dinge einfach nicht verstehe. Es würde mich wahnsinnig freuen, wenn Sie, werter Leser, in diesem Fall mein Göttingen sein könnten. Meine Fragen, die ich in großen Teilen wahrscheinlich selbst beantworten werde, drehen sich um das Medium Radio, das mir, obwohl ich es mehr als eine Dekade (OMG! WTF?!) so professionell wie möglich füttere und wickle, nur allzu oft mit einer kaum zu ertragenden Vehemenz auf den Sack geht.

    Everybody knows but noone’s sayin’ nothing (Liam G., 1997)

    Viele beschweren sich über die Volksrotation, die ihnen von Flensburg bis Füssen die ewig gleichen 100 Titel um die Ohren haut. Kleinster gemeinsamer Nenner soll das sein, ist aber die Liedgut-Diktatur derer, die hinsichtlich ihres Musikgeschmacks schon immer analfixiert waren. Das Ohrenkrebs-Oligarchat der Sakkoledersohlenundtaschenträger und Rauchereckenvermeider.

    Andere zetern über die dümmlichen Witzchen des Morningshow-Hostchens, über die das Morningshow-Hühnchen sinnfrei gackert, während Producer Porno, Schneesturm-Schniepel, Autobahn-Arsch und News-Nazi den ein oder anderen elliptischen Kommentar einwerfen und die Dekaden-Hauptemotionen LMAO und WTF akustisch in Szene setzen.

    Wiederum andere beklagen inhaltliche Diarrhoe in der politischen Berichterstattung, Brechstangenpromotions, die ewig gleichen total verrückten Telefone, zu laute und zu lange Werbeblöcke, inkorrekte Wetter- und Verkehrsmeldungen und, und, und.

    Bei allem Gezeter über qualitative Mängel unseres heißgeliebten Mediums #1, lieber Leser, scheinen dennoch viele Menschen gern, lang, stets und wiederholt Radio zu hören, nicht wahr? Zumindest entnehme ich das immer mal wieder wohlwollend den Gesprächen koinzidentaler Quadratmeter-Mitnutzer. Man spricht über Radio. Das ist eine gute Sache, nicht wahr? Und da das gut ist, dachte sich Radio, sprechen wir doch auch mal mehr über uns selbst, machen Radio einmal im Jahr richtig groß und glamourös. Zack war „Der Deutsche Radiopreis“ geboren. Eine prinzipiell ganz hervorragende und sinnvolle Veranstaltung, zu deren Zeugung, Geburt und ersten beiden Lebensjahren ich ein wenig beitragen durfte . Schöne Zeiten waren das…aber ich schweife ab.

    Wo war ich? Ah ja, Super-Veranstaltung an sich. Radio groß machen, fette Party.

    Was macht man am besten auf Organisatorenseite, um Radio zu feiern? Richtig. Man stellt eine Jury aus diamantenscheißenden Grimme-Greisen zusammen und peppt sie mit kritischen Querdenkern aus der Werbebranche auf. Heißt, Essenz derer, die aus dem Meckern über oben stehende Defizite gar nicht mehr herauskommen, so sie überhaupt die Knöpfe zum Einschalten elektrischer, geschweige denn elektronischer, Geräte finden, gepaart mit der Kirsche und der Creme derer, denen kein Wort geschliffen, kein Hintern fotzig und keine Pointe camoufliert genug ist. Diese Gruppe - nennen wir sie „The Avengers“ - zieht sich dann in einen Keller zum Lachen und Voten zurück und kommt mit einem Ergebnis ans Tageslicht, das so absurd ist, dass schnell noch ein paar Sonderpreise erfunden werden müssen. So geschehen auch in diesem Jahr:

    Arno Müller, seine Zeichens Host der Mutter aller deutschen Morningshows „Arno und die Morgencrew“ bei 104.6 RTL ist nominiert in den Kategorien „Beste Morningshow“ und „Bester Moderator“. Bedenkt man, dass Arno Privatradio in Deutschland groß gemacht (wenn nicht erfunden) hat und seit inzwischen zwei Jahrzehnten der erfolgreichste Moderator des Landes ist, sollte das a) keine Überraschung und b) eine ziemlich sichere Nummer sein. Was aber machen The Avengers?

    Sie zeichnen die NDR2-Morningshow aus.

    Bitte?

    DIE NDR2 MORNINGSHOW!

    Die haben eine Morningshow?

    Ja.

    Wie heißt die denn?

    Keine Ahnung. Aber gewonnen hat sie.

    Aha.

    Kann man machen, und die NDR2 Morningshow ist bestimmt ganz großes Tennis, ABER: Da hat Radio einmal die Chance einen seiner wenigen, echten Stars auszuzeichnen, versemmelt auf ganzer Linie und zaubert dann einen „Sonderpreis der Jury fürs Lebenswerk“ aus der Bettpfanne. Keine Ahnung, ob Arno sich darüber gefreut hat, ich finde die Nummer nicht nur eine Frechheit, sondern noch dazu bezeichnend für den Zustand der Branche.


    Du willst was ändern, änder lieber deine Sicht,

    Du meinst, du kannst mich zerficken, aber nicht! (King Kool S., 2000)


    Das größte Problem von Radio ist, dass Radio nicht zu sich selbst steht. Da ruft man einen Preis ins Leben, trimmt ihn auf Fernsehen, es gibt nichts zu hören, die Sitzplätze sind von B-F Promis aus den dritten Programmen besetzt, Olivia Jones bringt eine Entourage aus zweibeinigen Federboas mit, man macht großes Kino mit Robbie, Gröni, den Pet Shop Boys et alii und zeichnet Dinge aus, von denen Berufskritiker denken, sie klängen so, wie Radio klingen sollte.

    Mit Verlaub, das ist ungefähr so zielführend, wie sich vor dem Kauf einer geilen Rap-Scheibe Anregungen im SZ-Feuilleton zu holen oder Alice Schwartzer um Rat zu fragen, bevor man sich einen Porno ausleiht.

    Radio ist mit eben jenen Dingen erfolgreich, die ich oben leicht überspitzt kritisiert habe. Warum nicht dazu stehen? RTL ist es mitnichten peinlich, mit dem Dschungel, DSDS, „Messies tauschen Frauen gegen Häuser“ und „Cobra Miami“ Quote zu machen. Das ist mal hohle Scheiße – dagegen steht Radio doch nivea-mäßig noch ganz gut in der Creme, oder nicht?

    Radio sind Arno, John, Johannes, Rik, Thomas und Jochen. Radio ist wenn deine 10-Euro-Scheine zu Weihnachten bezahlt werden, das nervige türkische Kind, das immer nur flirten will, am Telefon ist und der neueste Sommerhit so klingt wie der letzte, nur halt auf Rumänisch. Das ist super, das ist dufte, das hören jeden Tag MILLIONEN von Menschen. Ganz ehrlich, ich bin der erste, der sagt, man soll neue Ideen auszeichnen, die Impulse setzen, das Medium verändern und eine mögliche Zukunft aufzeigen. Dabei darf man aber doch nicht die Realität außer Acht lassen, oder? Die Tatsache würdigen, dass das alles funktioniert, auch, wenn es manchmal nervt.

    Verzeihen Sie, lieber Leser, ich schreibe schon viel zu viel und komme gar nicht zu meiner Frage. Meine Frage ist, in tiefempfundenen Respekt für Ricky: UND WARUM?! 

    Sollte Ihnen dieses Fragenuniversum zu komplex oder unangenehm sein, hätte ich noch eine Alternative, zu der mich ihre Meinung ebenfalls interessieren würde: Ich denke, ich bin der Erfindung der Zeitmaschine ein ganzes Stück näher gekommen. Genau genommen gibt es sie sogar schon. Es ist kein aufgeprollter DeLorean und auch keine duschkabinenförmige Fliegenfalle, es ist, Achtung: Das Telefax-Gerät. Jetzt staunen Sie, nicht wahr? Eigentlich ist es aber ganz einfach. Wenn ich von hier ein Fax nach Peking schicke, sagen wir um 12 Uhr mittags, dann kommt das Fax in Peking um 18 Uhr raus. Richtig soweit? Gut. Wenn ich das Fax dann weiter schicke nach, sagen wir San Francisco…Scheiße. Drecks-Datumsgrenze. Okay, ich durchdenke, das nochmal.

    So, ich muss dann auch aussteigen. Easy - e -e. 

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