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  • October 12, 2012 1:06 am

    In Göttingen brennt noch Licht // Oder: What would Jesse Pinkman say?

    Hildesheim. Hinter mir liegt eine arbeitsreiche Woche in Berlin, vor mir zweieinhalb Stunden Beugehaft in einem Abteil mit ältlichen Fruktarierinnen, von denen ein Viertel schwanger ist. Ich kann verstehen, dass die Heizung auf Anschlag aufgerissen wird, damit es in der Winterjacke nicht so fröstelt. Hat den positiven Nebeneffekt, dass mir das betagte Gebein nicht mit temperaturmotiviertem Geklapper auf die Nerven geht. Das kleine Gespenst liest Andreas Franz, Casper den aktuellen Spielplan der Berliner Philharmoniker, Hui Buh versucht im Reiseplan der morgendlichen Hinfahrt seinen Anschlusszug in Karlsruhe zu finden, und das eiskalte Händchen klammert sich an einem Beruhigungs-Pixi für Erstgebärende mit dem Titel „Wir“ fest. Lovely. Hätten die überreifen Früchtchen nur die überreifen Früchte draußen gelassen. Bei 35 Grad Raumtemperatur entwickelt eine Banane, die so weich ist, dass man sie offensichtlich aus der seitlich geöffneten Schale herausschlürfen muss, ein widerliches Odeur. Das zusammen mit dem Geräusch von Zahnersatz, der tiefer und tiefer in Granny Smith getrieben wird, lässt in mir den Wunsch reifen, mich für ein mehrwöchiges Retreat auf eine Leprainsel zurückzuziehen. Arme Granny. In Göttingen brennt noch Licht.

    Wenn nur meine Augen nicht zufallen. 2,80 € können Leben retten. Schwarz, heiß, stark. Im Schlaf werden sie mich reißen. Mitropa bewahre. Fruktarierinnen. Ha! Darauf falle ich nicht rein. Schlüpfe mit dem rechten Zeigefinger in eine leere BiFi Roll-Verpackung, um die tiefe und extrem schmerzhafte Schnittwunde zu verbergen, die ich mir heute Nachmittag beim Erstellen einer Pivot-Tabelle zugezogen habe. Ich glaube, das kleine Gespenst hat bereits Witterung aufgenommen. Verdammt. Sie blickt nervös von Andreas Franz auf, nimmt mit bebenden Nüstern gierig die süße Verlockung meines jungen, unvergorenen Lebenssaftes in sich auf. Ihre Lider flattern unruhig. Schneller und schneller scharrt ihr rechter Huf über die kurzflorige Auslegware der Opferstätte. Frisch gezapft schmeckt’s ihr am Besten. Eiskaltes Händchen fährt sich voll Vorfreude über den dicken Bauch. Sie weiß genau, dass ich ihre Lippen lesen kann. „Wir sind füreinander bestimmt“, haucht sie tonlos. Grinst diabolisch und spielt in ihrem kranken Hirn bereits jedes Detail der Blutorgie durch. 

    „Wann ist es denn soweit?“ Eiskaltes Händchen scheint tatsächlich der Anführer der Brut zu sein. Hui Buh nickt ihr grimmig zu. Fordert sie auf, endlich das Signal zu geben. Das Signal, dass das Schlachten beginnen kann. Von ihr wird es kommen. Von ihr wird der finale Wink kommen, der mein Leben beendet. Mit unsicheren Händen führe ich den Pappbecher zum Mund, nehme einen tiefen Schluck. Kaffee ist Leben. Meine Augen sind starr auf eiskaltes Händchen gerichtet. Welche Art von Signal haben sie vereinbart, die Dämonen in Bridge Club-Gestalt? Fruktarierinnen. Das ich nicht lache. Ich habe gleich gemerkt, dass da was faul ist. Das Abteil hätte ich wechseln sollen. Sofort. Ohne Umschweife. Aber nein, wie ein Vorschüler tappe ich den untoten Stricklieseln in die Falle. Jetzt ist es zu spät, um wegzulaufen. Jetzt muss ich stark sein. Kämpfen, wenn es nötig ist. Kämpfen und Überleben.

    Wir halten in Kassel. Ich schiele zum Fenster, spähe nur einen Augenblick hinaus, und doch hat der Tod plötzlich all seinen Schrecken verloren. Kassel ist keine Option. Casper zieht meine Aufmerksamkeit auf sich.  „Ein Vogelfä-hänge-her bin ich ja, i-hich taaanze hei-ßa hop-sa-sa“ Die Lippen wie zum Kuss geschürzt feuert sie eiskalte Klingen in mein schweißnasses Gesicht. Jeder Ton eine Wunde. Jeder Lufthauch ein Skalpell. Mein Blick sucht Hilfe in meinem Spiegelbild, das einsam auf der anderen Seite der Abteiltür sitzt. Ich möchte mit ihm tauschen. Allein sein. Nicht hier sein. Nicht auf dieser Seite. Nicht zwischen diesen Furien. Nicht sterben müssen. Nicht sterben. Nicht.

    Eiskaltes Händchen blinzelt. War das das Zeichen?

    Ich reagiere zu spät. Schon ist das kleine Gespenst auf mir, reißt meinen Kopf mit stählernem Griff zurück und zerrt mir den Joop-Übergangsschal vom Hals. Eiskaltes Händchens eiskalte Händchen schließen sich wie Schraubstöcke um meine Handgelenke, fixieren sie auf der Tischplatte, während Casper euphorisch kreischend eine leere Eierlikörflasche aus ihrer Handtasche zieht. Langsam, ganz so als würde sie jede Sekunde vollständig auskosten wollen, erhebt sich Hui Buh von ihrem Platz. Wie flüssige Seide gleitet ihre Jack Wolfskin-Jacke zu Boden und entblößt den makellosen nackten Körper einer 70jährigen. Ihr Lächeln ist beinahe zärtlich. In weißglänzender Perfektion tragen Zwillings-Eckzähne ein sinnlich gewölbtes, purpurnes Gaumensegel. Säulen auf denen das Himmelreich ruht. Phrygisch. Ihr Mund ist eine Kathedrale. Eine Kathedrale des Todes. Ein Tempel der unstillbaren Gier nach Blut. Ionisch. Der strenge Eisengeruch des Weihrauchs treibt mich an den Rand der Besinnungslosigkeit. Mein opferbereites Ich sinkt auf die Knie. Ich bin bereit. Dorisch. Nimm mich.

     „Dorisch? Dorisch, mir müsse naus!“

    Eine schrille, hessische Stimme reißt mich aus der Hypnose.

    „Un vergesch dei Jack net, Dorisch!“

    „Jo jo, na, na.“ HuiBuh zieht sich umständlich ihre Jack Wolfskin-Jacke wieder an und fegt dabei meinen Restkaffee vom Tisch, während das kleine Gespenst bei dem Versuch einen Delsey-Koffer von der Größe eines Mini-Vans aus der Gepäckablage zu befreien ins Straucheln kommt. Zum Glück eilt Casper ihr im letzten Augenblick zur Hilfe, so dass kein schlimmeres Unglück geschieht. Hui Buh wirft dem kleinen Gespenst einen erleichterten Blick zu und Casper murmelt ein heiteres „hoi, desch war knapp“. Eiskaltes Händchen aber muss so doll kichern, dass ihr doch tatsächlich ein kleiner Pups entfleucht.

    Könnte mich jetzt bitte endlich jemand tot beißen?!

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